Vive la Résistance – Warum Widerstand im Change Management kein Störfaktor ist

right human hand

Widerstand. Wenn wir gerade ein Change-Projekt ausgerollt haben und uns dieses Wort begegnet, denken wir meist an Störenfriede – an Menschen, die sich uns in den Weg stellen wollen. Und zwar einfach so. Weil sie keine Lust auf Veränderung haben. Das gibt es natürlich auch. Aber weit häufiger hat der Widerstand eine Ursache, durch die er nicht nur gut begründet ist, sondern deren Beseitigung zu einer besseren Qualität des Projekts führt.

Wichtig zu verstehen ist meiner Meinung nach , dass statt auf „Ich will nicht“ Widerstand viel öfter auf „Ich kann nicht“ basiert. Die Gründe für die fehlende Umsetzung können vielfältig sein. Vielleicht, weil man am Training nicht teilgenommen hat, die dort vermittelten Inhalte nicht verstanden hat oder weil man den Change in der individuellen Situation nicht umsetzen kann. Vielleicht fehlen die nötigen Sachmittel oder zeitlichen Ressourcen. Vielleicht trägt die direkte Führungskraft die Veränderung nicht mit – was nicht nur besonders problematisch, sondern auch weit verbreitet ist. Denn man weiß ja: Das mittlere Management ist jene Gruppe, die in Studien am häufigsten skeptisch gegenüber Veränderungsprozessen eingestellt ist. Nicht, weil sie sich querstellen will, sondern weil sie strukturell zwischen den Stühlen sitzt, verantwortlich ist für eine Umsetzung, die ihr oft nicht einmal umfassend erklärt wurde, für die sie oft keine Hilfsmittel an die Hand bekommt und die sie auch nicht mitgestalten durfte.

Was genau die Ursache für Widerstand ist, erkennt man nur, wenn man ins Detail schaut. Und wenn uns die Menschen, die alle Facetten dieses Details kennen, auch dorthin schauen lassen. Oft geht es dabei nämlich nicht um Technik, Prozesse oder Tools, sondern um das mikropolitische Klima in einer Organisation – also um jene Machtgefüge, die sich aus der formellen Struktur nicht erschließen lassen. Sie stehen in keinem Organigramm und lassen sich auch aus keiner RACI-Matrix herauslesen. Man erfährt von ihnen nur, wenn einem die Menschen vertrauen.

Ein Beispiel, das mir recht früh in meinem Berufsleben begegnete, ist Folgendes: In einer Fabrik arbeitete ein Mann, der sozial weitgehend isoliert war. Er sprach wenig, gehörte zu keiner Gruppe, war in nichts besonders gut – mit einer Ausnahme. Er konnte eine einzige, technisch anspruchsvolle Maschine bedienen, mit der sonst niemand zurechtkam. Dafür wurde er respektiert. Es war seine Funktion im Team, seine Daseinsberechtigung, seine stille Rolle in der sozialen Ordnung. Wenn im Zuge eines Veränderungsprozesses genau diese Maschine ersetzt worden wäre, hätte er nicht nur diese eine Aufgabe verloren, die ihn regelmäßig mit Stolz erfüllte, sondern auch seinen Platz in der Gruppe. Ich bin mir sicher, das wäre den Kolleg*innen nicht entgangen. Einige von ihnen – obwohl sie selbst vom Change profitieren sollten – hätten sich seinetwegen gegen die Veränderung gestellt. Nicht aus Eigennutz, sondern aus Loyalität. Aus menschlicher Intelligenz. Aus dem Impuls heraus, ein fragiles Gleichgewicht zu schützen.

Widerstand ist oft Ausdruck sozialer Verschiebungen. Er zeigt, wo Rollen zerbrechen, Zugehörigkeit verloren geht, Selbstwert in Frage steht. Wer Wandel als rein technische oder organisatorische Maßnahme begreift, wird solche Dynamiken nicht erfassen – und läuft Gefahr, dass ausgerechnet die so oft als „weich“ belächelten Faktoren ein Millionenprojekt zum Scheitern bringen.

Widerstand ist kein Fehler im System. Es ist eine Einladung hinzuschauen, was übersehen wurde, was noch fehlt, was gefährdet ist. Genau hier wird sichtbar, warum die People Side of Change von Anfang an essenziell ist – keine nette Begleitmaßnahme, sondern ein strategischer Erfolgsfaktor. Und genau hier entfalten jene Elemente ihre Wirkung, die oft als nebensächlich abgetan werden: ein Workshop, der mehr zuhört als überzeugt. Eine Teamaktivität, die Vertrauen wachsen lässt. Eine Change Vision, die nicht auf dem Papier bleibt, sondern im Alltag verständlich und greifbar wird. Es sind diese vermeintlich weichen Maßnahmen, die soziale Orientierung geben – und damit die Grundlage schaffen, auf der echter Wandel möglich wird.

Wenn wir Widerstand als Einladung verstehen, einander zuzuhören und Vertrauen zu wagen, kann Wandel entstehen, der wirklich trägt. Vive la Résistance!


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