Die Gefahr der Weichspül-Kommunikation

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„Lass uns auf das Positive fokussieren“ – ein Satz, den ich in Führungskontexten über die Jahre oft gehört habe. Und ja, Optimismus hat seinen Wert. Aber in angespannten Situationen, wenn das erste Reflexverhalten darin besteht, Unbehagen zu übergehen oder glattzubügeln, verpufft die Wirkung oft. Menschen hören auf, das zu teilen, was wirklich in ihnen vorgeht. Und genau dort beginnen die Probleme leise, aber stetig unter der Oberfläche zu wachsen.

In den vergangenen Jahren hatte ich die Gelegenheit, mit ganz unterschiedlichen Führungspersönlichkeiten zusammenzuarbeiten – einige aus der Unternehmenswelt, andere aus Vereinen, Initiativen oder ehrenamtlichen Strukturen. Die Muster ähneln sich oft überraschend: Wenn unangenehme Wahrheiten nicht ausgesprochen werden, leidet das Gefühl der psychologischen Sicherheit. Menschen werden vorsichtiger. Aus echtem Dialog werden zunehmend sorgfältig gefilterte Updates. Und die Lücke zwischen dem, was gesagt wird, und dem, was tatsächlich empfunden wird, wird immer größer.

Dabei geht es selten um schlechte Absichten. Oft ist die Motivation, der Leader das Team zu schützen, den Schwung nicht zu verlieren oder Konflikte zu vermeiden. Doch der Versuch, das Positive zu betonen, wenn eigentlich Tiefe gefragt wäre, kann es dem Team ungewollt schwerer machen – besonders dann, wenn sich die Teammitglieder ohnehin schon unsicher oder verletzlich fühlen.

Im Grunde geht es dabei nämlich um Authentizität. Führungskräfte, die sich als Mensch zeigen, die sagen: „Ich habe darauf noch keine abschließende Antwort“ oder „Da habe ich einen Fehler gemacht“, öffnen einen Raum, in dem auch andere ehrlich sein dürfen. Und genau dort beginnt etwas Wesentliches: Vertrauen.

Wenn Menschen spüren, dass sie offen sprechen können, trauen sie sich auch eher, Risiken einzugehen. Das ist die Grundlage für eine gesunde Fehlerkultur – eine, in der Fehler nicht versteckt, sondern reflektiert, verstanden und als Lernchancen genutzt werden. Sie fördert eine Growth Mindset-Haltung: die Überzeugung, dass Fähigkeiten, Strategien – ja sogar Führung selbst – sich weiterentwickeln können. Und Fehler und Versagen genau dafür zu nutzen.

Es geht nicht darum, perfekt zu sein. Sondern echt. Und verlässlich. Eine Führungspersönlichkeit, die in herausfordernden Momenten nicht abtaucht. Die klar kommuniziert, konsequent handelt – und Komplexität nicht wegmoderiert.

Denn am Ende ist es nicht die geschönte Positivität, die Vertrauen schafft. Es ist Präsenz. Es ist Ehrlichkeit. Und es ist der stille Mut, auszusprechen, was andere lieber vermeiden – damit alle einmal durchatmen und gemeinsam wieder nach vorn schauen können.


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