Gute Wissenschaftskommunikation ist ein Ökosystem


Ein großer Teil meiner Arbeit findet dort statt, wo Strategie, Transformation und Kommunikation zusammenkommen. Wissenschaftskommunikation ist eines der deutlichsten Beispiele dafür, warum dieses Zusammenspiel wichtig ist.

Komplexe Forschung zugänglich zu machen, ist nicht einfach eine Frage guter Erklärungen. Unterschiedliche Zielgruppen bringen unterschiedliches Vorwissen, unterschiedliche Interessen und unterschiedliche Gründe mit, sich mit einem Thema auseinanderzusetzen. Ein einziges Format wird ihnen selten allen gerecht.

Sehr konkret erlebt habe ich das beim Forschungsprojekt Zeitensprung, das prähistorische Pfahlbausiedlungen im Attersee und Mondsee untersuchte. Das Projekt stand in engem Zusammenhang mit dem größeren Kontext des UNESCO-Welterbes Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen. Die archäologischen Fundstellen selbst liegen unter Wasser und können von der Öffentlichkeit nicht einfach besucht werden. Zugänglich machen ließen sich an Land jedoch der Forschungsprozess, die Menschen dahinter und das Wissen, das daraus entstand, beispielsweise über die temporäre Forschungsstation und Formate wie den Tag der offenen Grabung.

Das Programm begann deshalb nicht mit der Frage nach den Kanälen. Es begann mit Menschen und Zielen. Bei den Grabungskampagnen am Attersee war die lokale Bevölkerung die wichtigste Zielgruppe, ergänzt durch Besucher:innen der Region und eine breitere interessierte Öffentlichkeit. Kommunikation hatte mehrere Aufgaben: die Forschung verständlich zu machen, Bewusstsein für den Schutz des kulturellen Erbes zu schaffen, Vertrauen aufzubauen und wissenschaftliche Expertise sichtbar zu machen.

Das Ergebnis war nicht ein einziges herausragendes Format, sondern ein Ökosystem unterschiedlicher Ansätze. Und sie erfüllten nicht alle dieselbe Funktion. Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen Wissenschaftskommunikation, Wissenschaftsvermittlung und Wissenschaftspartizipation.

Die Begriffe selbst sind weder im Deutschen noch im Englischen vollkommen trennscharf. Das ist zum Teil durchaus sinnvoll. Ein Science Blog kann gleichzeitig kommunizieren und wissenschaftliche Inhalte vertiefend vermitteln. Eine Führung kann Wissen vermitteln und zugleich Dialog ermöglichen. Und ein Citizen-Science-Projekt kann Kommunikation, Vermittlung und tatsächliche Beteiligung miteinander verbinden. Die Formate überschneiden sich. Ihre Funktionen tun es nicht zwangsläufig. Deshalb finde ich es hilfreich, danach zu unterscheiden, was jeweils erreicht werden soll: Wird Forschung sichtbar gemacht? Wird wissenschaftliches Wissen zugänglich und verständlich? Oder erhalten Menschen tatsächlich eine Rolle im Forschungsprozess? Die Grenzen sind fließend. Die Funktionen sind es nicht.

Im Zeitensprung-Programm dienten Medienarbeit und Social Media vor allem der Wissenschaftskommunikation. Ausstellungen, öffentliche Vorträge, Führungen, Schulprogramme, der Tag der offenen Grabung und der Unterwasser-Livestream waren vor allem Formen der Wissenschaftsvermittlung.

Der Science Blog lag zwischen beiden Bereichen. Er war Kommunikationskanal, bot durch seine Tiefe und seine Inhalte aber gleichzeitig Wissenschaftsvermittlung. Wissenschaftspartizipation bildete nochmals eine eigene Ebene und war nur in bestimmten Formen möglich. Auf diese Unterscheidung werde ich in einem weiteren Beitrag zurückkommen.

Interessant war vor allem, wie diese Elemente zusammenspielten. Der Science Blog gab Forschenden Raum, ihre Arbeit ausführlicher zu erklären, und dokumentierte das Projekt kontinuierlich. Seine Inhalte konnten wiederum in die Medienarbeit und andere Kommunikationsmaßnahmen einfließen. Vorträge und Ausstellungen griffen Themen auf, die sich aus der laufenden Forschung ergaben. Als Holz während einer Grabungskampagne besonders wichtig wurde, rückte es auch in den Mittelpunkt des Vermittlungsprogramms. Als später die Archäobotanik stärker in den Vordergrund trat, folgte das Programm dieser Entwicklung. Wissenschaftskommunikation und Wissenschaftsvermittlung liefen nicht neben der Forschung her. Sie bewegten sich mit ihr.

Die Ausstellung folgte demselben Prinzip. Sie war modular aufgebaut, sodass Themen einfach ergänzt oder verändert werden konnten. Und sie beschränkte sich nicht auf einen einzigen Ausstellungsort. In Weyregg waren einzelne Elemente unter anderem in der Volksschule, im Gemeindeamt, in einer Bank und bei der Forschungsbasis am See zu sehen. Manche Informationen waren im Außenbereich rund um die Uhr zugänglich. Statt zu erwarten, dass alle Menschen eine zentrale Ausstellung besuchen, wurde die Forschung an Orten sichtbar, die ohnehin Teil des Alltags in der Gemeinde waren.

Direkte Begegnungen ermöglichten etwas, das keine Publikation und keine Ausstellungstafel leisten konnte. Regionale Vereine waren in die öffentlichen Führungen eingebunden, ihre Guides wurden gemeinsam mit erfahrenen Museumsvermittler:innen geschult. Besucher:innen konnten von einer Einführung in die Welt der Pfahlbauten zur temporären Forschungsstation weitergehen. Dort erklärten Mitglieder des Grabungsteams ihre Arbeit und zeigten Funde von der Fundstelle. Für Schulklassen gab es angepasste Führungen. Wissenschaftsvermittlung wurde direkt und persönlich, ohne ihre wissenschaftliche Substanz zu verlieren.

Der Unterwasser-Livestream zeigt die Idee vielleicht am deutlichsten. Eine Kamera in unmittelbarer Nähe der Grabungsfläche zeigte Forschungstaucher:innen bei der Entnahme von Proben, beim Bergen von Funden und bei der Dokumentation ihrer Arbeit. Dadurch erhielten Menschen einen direkten Einblick in eine Forschungsumgebung, die ihnen sonst verschlossen geblieben wäre. Keine Ausstellungstafel und keine Pressemitteilung hätte genau dasselbe leisten können. Der Livestream schuf ein außergewöhnliches Maß an Zugang und Transparenz – Transparenz, nicht Partizipation.

Rückblickend glaube ich nicht, dass die Stärke des Programms in der Anzahl der Formate lag. Entscheidend war, dass sie unterschiedliche Zugänge zum selben Thema ermöglichten und unterschiedliche Aufgaben erfüllten. Manche Menschen begegneten dem Projekt vielleicht zuerst in der Lokalzeitung, bei einer Ausstellung im Ort oder über einen Facebook-Post. Andere verfolgten den Science Blog, besuchten einen Vortrag oder sahen Archäolog:innen bei ihrer Arbeit unter Wasser zu. Nicht alle brauchten denselben Zugang.

Genau das meine ich mit einem Ökosystem.

Und dieses Prinzip reicht weit über Wissenschaftskommunikation hinaus. Mehr Kanäle schaffen nicht automatisch mehr Verständnis. Eine gute Kommunikationsarchitektur gibt jedem Format eine klare Aufgabe und verbindet es mit dem, was eine Organisation oder ein Projekt erreichen will.

Für Wissenschaftskommunikation und Wissenschaftsvermittlung kommt noch eine weitere Anforderung hinzu: Zugänglichkeit darf nicht auf Kosten der Substanz gehen. Das Ziel ist nicht, Komplexität so lange zu reduzieren, bis alles einfach klingt. Es geht darum, genügend Zugänge zu einem komplexen Thema zu schaffen, damit Menschen verstehen können, warum es relevant ist.

Dies ist der erste Beitrag einer kurzen Serie über Wissenschaftskommunikation, Wissenschaftsvermittlung und Wissenschaftspartizipation und darüber, was sich verändert, wenn wir sie als miteinander verbundene, aber unterschiedliche Teile desselben Systems betrachten.

Der Beitrag basiert auf meinem Artikel: Löw, C. (2026), „Wissenschaftskommunikation, Wissenschaftsvermittlung und Wissenschaftspartizipation zu den Unterwasser-Ausgrabungen im Attersee.“ In: Die Pfahlbaustationen Seewalchen I und Weyregg II im Attersee/OÖ. Projekt Zeitensprung 2015–2017, OÖ Landes-Kultur GmbH, S. 318–326. Der Band ist über die OÖ Landes-Kultur GmbH erhältlich.


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