Ich durfte vor Kurzem beim Forum Dorf & Stadt, organisiert von der NÖ Dorf- & Stadterneuerung in Angern an der March, über die Zukunft des ehrenamtlichen Engagements sprechen. Da ich seit vielen Jahren im Rahmen meiner Coachingtätigkeit eng mit Vereinen zusammenarbeite, ist das ein Thema, das mir besonders am Herzen liegt.
In meinen Workshops höre ich sehr oft, dass sich heute niemand mehr ehrenamtlich engagieren wolle und man einfach keinen Nachwuchs mehr finde. So nachvollziehbar dieser Eindruck auch ist – ein genauer Blick zeigt: Das stimmt so nicht. Es gibt nach wie vor viele Menschen, die bereit sind, sich freiwillig einzubringen. Genau genommen sogar mehr als früher – nur eben auf andere Weise.
Insgesamt engagierten sich 49,4 % der österreichischen Wohnbevölkerung im Jahr 2022. Diese Zahl belegt klar, dass es den Menschen offenkundig wichtig ist, sich einzusetzen. Wenn sie das zwar grundsätzlich tun, aber eben nicht im Verein, dann muss es dafür Gründe geben. Und genau diese habe ich in meinem Vortrag näher beleuchtet.
Eine Parallele zu meiner täglichen Arbeit im Unternehmenskontext und insbesondere im Change Management fiel mir dabei sofort auf: Auch für ehrenamtlich Tätige ist der Grund, das WHY hinter dem Tun, zentral. Menschen wollen wissen, wofür sie ihre Zeit geben. Sie möchten erkennen können, welchen Sinn ihr Engagement hat – für die Gemeinschaft, für die Sache und auch für sie selbst. Wenn dieser Sinn erkennbar und anschlussfähig ist, entsteht etwas, das mehr ist als Beteiligung, nämlich echte Identifikation.
Das ist bei der informellen Freiwilligenarbeit – etwa beim Sandsäcke-Füllen im Hochwassergebiet – oft leichter greifbar als bei Tätigkeiten im Vereinsalltag, die eher organisatorischer Natur sind. Wenn das Engagement vor allem aus Sitzungen, Protokollen und Verwaltung besteht, ist der Beitrag zum Gemeinwohl nicht immer unmittelbar sichtbar. Genau darin liegt eine zentrale Herausforderung: den Sinn auch dort wahrnehmbar zu machen, wo er nicht sofort zu erkennen ist.
Ähnlich wichtig wie das WHY ist die Möglichkeit zur echten Mitgestaltung. Gerade für jüngere Menschen – aber nicht nur für sie – ist es entscheidend, auch inhaltlich mitwirken zu können. Das ist kein Selbstzweck, sondern Ausdruck eines gewandelten Verständnisses von Verantwortung und Beteiligung. Selbstbestimmung und Mitsprache sind in der heutigen Welt keine Schlagworte mehr – sie werden erwartet. Viele sehnen sich nach echtem Impact und wollen mehr als nur „mithelfen“ – sie möchten mitgestalten und etwas bewegen.
Auch in anderer Hinsicht hat sich das Umfeld für ehrenamtliches Engagement verändert. Wir leben in der sogenannten VUCA-Welt – geprägt von Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit. Das klingt abstrakt, ist aber in unserem Alltag deutlich spürbar: Planungszeiträume sind kürzer geworden, Lebensentwürfe flexibler, berufliche und private Anforderungen dichter. Wir sind es gewohnt, auf Sicht zu fahren. Das macht es vielen schwer, langfristige Verpflichtungen einzugehen – und erklärt, warum sich klassische Vereinsmodelle mit starren Rollen und festen Amtszeiten oft nicht mehr passend anfühlen.
Vor diesem Hintergrund wirken Vereine, die ausschließlich auf langfristige Bindung setzen, bei denen Entscheidungen nur im Vorstand getroffen werden und Mitwirkung auf die Teilnahme an – meist offline angebotenen – Sitzungen beschränkt ist, schnell aus der Zeit gefallen.
In meinem Vortrag habe ich fünf konkrete Impulse mitgegeben, die Vereinen helfen können, diesen neuen Weg der Vereinsführung zu gehen: flexible Formen der Mitarbeit auf Projektbasis, das Sichtbarmachen des „Warum“ bzw. des berühmten WHY, Vereinsführung nach den Prinzipien der lateralen Führung mit Raum für Mitgestaltung, eine gelebte Wertschätzungskultur und einladende Kommunikation. Fünf einfache Prinzipien – und doch machen sie einen großen Unterschied. Denn sie nehmen ernst, wie Menschen heute leben, arbeiten, fühlen – und was sie brauchen, um im Verein aktiv sein zu können und zu wollen.
Was mich besonders gefreut hat: Bei der Veranstaltung kam ich mit einem Verein ins Gespräch, der bereits ganz selbstverständlich so arbeitet. Junge Leute bringen Ideen ein, übernehmen Verantwortung auf Zeit, Entscheidungen werden gemeinsam getroffen. Es war für mich eine schöne und ermutigende Bestätigung: Veränderung ist nicht nur nötig – sie ist auch möglich. Manchmal reicht ein neuer Blickwinkel, um alte Strukturen neu zu denken. Und manchmal braucht es einfach nur den ersten kleinen Schritt.

